Mercedes will Produktion in Bremen zurückfahren

Die C-Klasse ist eines der Modelle, das im Bremer Mercedes-Werk gefertigt wird. JASPERSENdpa

Man kann sich bessere Starts in einen neuen Job vorstellen als den, den Markus Keicher vor sich hat. Der neue Leiter des Mercedes-Werks fängt offiziell am 1. September in Bremen an – und muss den 12.500 Beschäftigten als erstes schlechte Nachrichten überbringen. Denn der Daimler-Konzern will die Produktion in Bremen zurückfahren.

Was das für die Mitarbeiter bedeutet, soll Thema auf einer Betriebsversammlung am 6. September sein. Der ersten mit Keicher als neuem Standortverantwortlichen. Wie aus einem Informationsschreiben des Betriebsrats an die Mercedes-Beschäftigten hervorgeht, soll es eine „weitere Reduzierung der Stückzahlen am Standort Bremen“ geben.

Heißt konkret: Es werden weniger Autos gebaut als bislang geplant. Wie stark der Rückgang sein wird, wollte der Konzern nicht kommentieren. Aus dem Umfeld des Unternehmens heißt es allerdings, dass Mercedes für das Jahr 2018 bislang mit etwa 425.000 Fahrzeugen geplant haben soll. Nach der Reduzierung soll die Jahresproduktion aber immer noch über 400.000 Autos liegen.

Als Begründung habe der Konzern Nachfrageschwankungen genannt, aber auch konjunkturelle Probleme in verschiedenen Märkten auf der ganzen Welt, heißt es in der Mitarbeiterinformation. Damit könnte das Werk in Bremen nun die Auswirkungen der zuletzt schlechten Absatzzahlen zu spüren bekommen. Zwar verkaufte der Autobauer dieses Jahr bis Juli weltweit 1,3 Millionen Fahrzeuge und stellte damit einen Rekord auf.

Auf wichtigen Märkten brach der Absatz jedoch deutlich ein. In Deutschland wurden im Juni 16,5 Prozent weniger Fahrzeuge als im Vergleich zum Vorjahr verkauft, in den USA gab es ein Minus von 22,7 Prozent. Wenn künftig weniger Autos gebaut werden, hat das natürlich Auswirkungen auf die Beschäftigten. So sollen laut Information des Betriebsrats gültige Arbeitszeitvereinbarungen angepasst werden. Was das genau heißt, ist momentan noch nicht klar.

„Wir machen uns aber natürlich Sorgen“, sagt Elke Tönjes-Werner, die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. „Jede Veränderung in der Produktion ist immer auch eine Veränderung in der Arbeitsweise.“ Jetzt müsse man Gespräche mit dem Unternehmen führen, um zu klären, welche Möglichkeiten es gebe. Tönjes-Werner hält es etwa für möglich, dass es zu veränderten Arbeitszeit kommt oder dass Sonderschichten wegfallen.

Unruhe im Werk

Eine Sprecherin des Daimler-Konzerns bestätigte Gespräche über eine Anpassung der Produktion. „Selbstverständlich reagieren wir in all unseren Werken flexibel auf Marktsituationen. Produktionsanpassungen sind ein normaler Vorgang“, sagte sie. Zum Inhalt dieser Gespräche wollte sie jedoch keine Details nennen. Allerdings verwies sie auch darauf, dass momentan „aufgrund der hohen Nachfrage das Mercedes-Benz Werk Bremen hochausgelastet“ sei.

Volker Stahmann von der IG Metall Bremen warnt davor, diese Ankündigung zu hoch zu hängen. Die Formulierung „Auswirkungen aufs Personal“ könne man nicht mit Entlassungen gleichsetzen, sagte er. Die Reduzierung der Stückzahlen sei nicht dramatisch.

Dennoch dürfte die Nachricht im Werk für Unruhe sorgen, zumal es nicht die erste in diesem Sommer war, die Veränderungen für die Belegschaft bedeutete. So soll in der Halle 93, in der aktuell die Coupés gebaut werden, die Logistik an eine Fremdfirma vergeben werden. Hierzu dürfte der Transport von Material innerhalb der Halle zählen, aber auch der Transport fertiger Fahrzeuge.

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Bislang werden diese Aufgaben von Mitarbeitern übernommen, die direkt bei Mercedes angestellt sind. Die Fremdvergabe dieser Jobs würde jedoch nicht heißen, dass fest angestellte Mitarbeiter ihre Stelle verlieren – zumindest wenn Daimler seine eigenen Versprechen einhält. Der Konzern hatte kürzlich für alle Beschäftigten in Deutschland eine Jobgarantie bis 2029 ausgesprochen.

Entsprechend müsste im Falle einer Fremdvergabe den Beschäftigten eine andere Aufgabe im Werk zugewiesen werden. Dieser Schritt ruft aus mehreren Gründen Sorgen hervor: Einerseits müssten Mitarbeiter aus der Logistik auf neue Stellen umgeschult werden, andererseits würde die Zahl der Leiharbeiter hier erhöht.

Was ändert sich durch Fremdvergabe?

„Es herrscht eine große Unsicherheit bei den Stammmitarbeitern und den Mitarbeitern aus Arbeitnehmerüberlassung, was ihre Zukunft angeht. Es ist angekündigt, dass die Fremdvergabe auch danach nicht zu Ende ist, sondern weitere Bereiche folgen“, heißt es in einem Schreiben der IG Metall an die Mercedes-Beschäftigten. Bis zu 400 Jobs könnten davon betroffen sein.

Gleichzeitig treibt viele Leiharbeiter in der Produktion die Sorge um, was sich durch die Fremdvergabe für sie ändert. Wenn weniger Autos gebaut und Mitarbeiter auf andere Positionen gesetzt werden sollen, könnten ihre Jobs gestrichen werden. Derzeit sei man in Gesprächen mit der Werksleitung, sagt Volker Stahmann von der IG Metall. Er habe die Hoffnung, Leiharbeitsstellen zu erhalten, wenn künftig weniger Ferienarbeiter eingestellt würden. Klarheit soll die nächste Betriebsversammlung bringen. Sie könnte Markus Keicher einen turbulenten Einstand in Bremen bescheren.

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